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Original Play im Libanon 2017

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Persönlicher Projektbericht von Armin Knauthe

Es ist, was es ist, sagt die Liebe – Original Play mit Flüchtlingskindern im Libanon 2017

Als im Sommer 2017 die Anfrage von Jasmin Hilfe e. V. gekommen ist, auch dieses Jahr wieder mit in den Libanon zu fahren, um mit geflüchteten Kindern zu spielen, ist mein „Ja“ bereits vorprogrammiert. Meine Erfahrungen aus dem Vorjahr wollen fortgesetzt und vertieft werden.

Dear Children!

 

 

 

 

 

 

 

Ladies and gentlemen, dear children! … lautet die Begrüßung des Piloten von Turkish Airways. Das gefällt mir. Ja, auch Kinder fliegen mit und mich wundert es, dass ich zum ersten Mal höre, wie sie von der Besatzung einer Flugzeuggesellschaft wahrgenommen, direkt angesprochen und willkommen geheißen werden. Ich denke an die gewichtige Aussage des amerikanischen Entwicklungspsychologen Urie Bronfenbrenner: „Damit sich ein Kind normal entwickelt, muss jemand auf ganz irrationale Weise vernarrt in diesen kleinen Menschen sein.“ Und auf einmal wird mir die mögliche Verantwortung meiner Aufgabe wieder bewusst.

Am Abend treffe ich das Team von Jasmin Hilfe: die Gründerin und Vorstandsvorsitzende Marlene Abbara, die letztes Jahr bei der Herbstreise nicht dabei gewesen ist, sowie die beiden mir schon zu Freundinnen gewordenen Damen Soumaya El-Azem, zweite Vorsitzende und Koordinatorin der Reise sowie Ingrid Töteberg, Schriftführerin und Photographin. In einem lauschig von Pflanzen überwachsenen Gastgarten besprechen wir den Verlauf unserer Reise und freuen uns gemeinsam über unsere Aufgabe und unsere Verbundenheit.

Der schönsteTag

 

 

 

 

 

 

 

Unser stets aufmerksamer und heiterer Fahrer Walid bringt uns mit seinen äußerst flexiblen Fahrkünsten sicher in das Camp 002 – ein ganz neues Camp in der Bekaa-Ebene, welches von Jasmin Hilfe finanziert und aufgebaut worden ist. Ein großes Problem stellt die Zufahrtsstraße dar. Bereits jetzt im Oktober ist sie schwer zu befahren, weist große Schlaglöcher auf und ist weder geteert oder sonst gefestigt. Der bevorstehende Winter und die damit ins Land ziehende Regenzeit könnten die Zufahrt zum Camp, die etwa 600 Meter beträgt, nicht mehr möglich machen. Auch drinnen im Camp ist der Boden nur gestampft. Um bei den heftigen Regenfällen nicht im Schlamm zu versinken, müsste alles mit Kies aufgeschüttet werden.

Das Bild das sich zeigt, als wir ins Camp hineinfahren, erinnert an den Film „Krieg der Knöpfe“.  Auf dem großen zentralen Platz sind nur Kinder zu sehen– etwa 200. Viele begrüßen uns aufgeregt und winken lebhaft, denn sie erkennen Marlene, Ingrid und Soumaya sofort wieder. Dahinter bewerfen Kinderbanden einander mit Gurken. Dazwischen sind Jugendliche, die – mit kurzen Schlauchstücken bewaffnet – Schläge austeilen. Auch Erwachsene benutzen diese Gummistöcke, um durch Schläge oder zumindest die Androhung von Schlägen Ordnung in diese große Kinderschar bringen zu wollen. Für mich wirkt das alles sehr chaotisch. Eine innere Stimme beruhigt mich: „Es ist, was es ist, sagt die Liebe.“(Erich Fried, 1983)

Wir haben das Glück, im Wohnhaus des Vorstands des Camps spielen zu dürfen. Hier breiten wir eine kleine Mattenfläche aus und laden die Kinder in Gruppen von etwa 15 bis 17 Kindern zum Spielen ein. Vor der Tür des Wohnraumes herrscht großer Andrang. Als es darum geht, die Kinder auszuwählen, wollen Erwachsene mit Stöcken und harten Schläuchen eingreifen. Schnell nehme ich einem Mann den Stock aus der Hand und schmiege ihn an mein Gesicht. Schließlich gebe ich ihm ein Küsschen auf seinen Handrücken und ernte erstaunlicher Weise verständnisvolle Blicke von ihm und den anderen Männern. Die Stöcke werden nun beiseite gelegt.

Die Gruppen sind sehr unterschiedlich. Es gibt Gruppen mit sehr jungen Kindern, die sich erst langsam nähern, um Vertrauen aufzubauen und erst allmählich immer mehr ins Spielen kommen. Dann gibt es wieder Gruppen mit Kindern im Alter von acht bis neun Jahren, die von Anfang an sehr körperlich und mit hoher Energie spielen. Das Spielverhalten der Kinder ist genauso, wie ich es von europäischen Kindern kenne. Ein etwa elf Jahre altes Mädchen hat besonders viel Freude daran, mich zu schubsen und dabei zu beobachten, wie mein Körper reagiert. Als ich dann einmal alle Mädchen einlade, beginnen einige, mich gemeinsam zu schubsen, woraufhin ich zur Gruppe von Mädchen auf der anderen Seite der Matten rolle. Schließlich werde ich wie ein Ping Pong Ball von einer Richtung zur anderen gerollt. Dabei entsteht ein sehr heiteres Spiel, bei dem mich erstmals auch Mädchen berühren, die in den ersten Spielrunden nicht zu mir auf die Matten gekommen sind. Ein Mädchen macht in der Schlussrunde die Bemerkung: „Ich möchte immer so mit meinen Freunden spielen, wie ich heute mit Armin gespielt habe.“


 

 

 

 

 

 

Sehr häufig wollen Kinder öfter als einmal zum Spielen kommen. Einige von ihnen machen den Versuch, sich zu verkleiden – ein Junge klebt sich ein Pflaster auf die Wange, andere Kinder tauschen ihre Kleidung aus, um am Eingang unerkannt bei der Auslese durchzukommen. Ein Junge, der ein zweites Mal zum Spielen kommen will, schaut zum Fenster hinein und streckt mir die Hand entgegen. Ich deute ein Küsschen auf seinen Handrücken an; daraufhin ergreift er meine Hand und gibt mir einen Kuss darauf.

Von meinen Begleiterinnen wird mir übersetzt, dass einige Kinder ausrufen:  „Das ist der schönste Tag in meinem Leben.

Strahlende Gesichter

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Wir besuchen das Camp Shahir. Es liegt in einem Tal, das auf einer Seite von der libanesischen Hügellandschaft und auf der anderen Seite von syrischen Bergen flankiert wird. Hier sind wir schon im Vorjahr gewesen. Strukturell ist einiges verbessert worden. Das Rinnsal vor dem Camp, das letztes Jahr noch offen, verschmutzt und Heimstätte für viele Ratten gewesen ist, ist zu einem Kanal umgebaut worden, wo Schmutzwasser gesammelt und Regenwasser drainiert wird. Durch den starken Zuwachs an Zelten sind die Einfahrten für die LKWs zu schmal geworden, sodass die Lieferanten nicht ins Camp kommen. Auch hier kann sich bei Regenwetter sofort Schlamm bilden. Große Kiesmengen sind vonnöten, um das zu verhindern und für Sicherheit zu sorgen.

Der Vorsteher führt uns durch das Camp. Sofort kommen Blickbeziehungen und Kontakte mit den Kindern zustande. Wir erregen ihre Neugier. Sie scharen sich um uns herum und begleiten uns auf unserm Weg durch die Zeltlandschaft. Dabei findet viel Berührung statt. Die Kinder geben mir die Hand, kommen näher und stellen sich für Fotos zu uns.

Vom Vorsteher werden wir zu einem Kaffee auf die Veranda seines Wohn-Zelts gebeten. Wir entscheiden uns, in seinem Haus auf Teppichen Original Play anzubieten. Bei den zehn Kindern, die zum Spielen ausgewählt werden, handelt es sich um Familienangehörige des Vorstehers. Er möchte nicht, dass andere Kinder sein Haus betreten. Die Kinder sind im Alter zwischen zweieinhalb und neun Jahren. In der ersten Runde sind die Mädchen verhalten und spielen nicht mit. In der zweiten Runde macht dann doch ein junges Mädchen in rotem Gewand mit. Sie klettert auf mir herum, spielt intensiv und steckt mit ihrem herzhaften Lachen die ganze Runde an. Die Buben spielen mit unterschiedlicher Nähe. Bei der letzten Runde lade ich alle Kinder ein; bis auf zwei Mädchen spielen alle mit.

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Einen Kilometer entfernt liegt ein weiteres Camp, das von Jasmin Hilfe betreut wird. Es wirkt recht unstrukturiert. Die Zelte sind rund um einen großen Platzt angeordnet, wo vor kurzem ein Baum gepflanzt worden ist, der auf mich aber nicht sehr lebendig wirkt. Alles ist stark ausgetrocknet. Die Menschen scheinen hier eher nebeneinander als miteinander zu leben. Soumaya schätzt, dass es sich bei ihnen nicht um Beduinen, sondern um Menschen mit Zigeuner-Abstammung handle. Auch hier führt uns ein Vorsteher herum und deutet auf die vielfältigen Missstände hin, die denen in den anderen Camps gleichen: mangelnde Kies-Beschüttung, eingeschränkte Versorgung mit Trinkwasser, keine Kanalisation, herunterhängende Elektrokabel, usw. Beim Durchgang entsteht immer mehr Kontakt und Vertrauen zu den Kindern. In einem Zelt lebt eine Familie, die durch ihre vier durch einen Gendefekt beeinträchtigten Kinder auffällt.  Die vier Geschwister sehen einander sehr ähnlich und zeichnen sich durch ihre liebvolle Art aus. Der Sechsjährige unter ihnen strahlt mich an, kommt mit einem gewinnbringenden Lächeln auf mich zu. Ich gehe auf die Knie und schon folgt ganz selbstverständlich eine innige Umarmung. Er kuschelt sich an mich, ich streichle ihn an der Wange. Auch Marlene streichelt ihn am Hinterkopf. Er strahlt über das ganze Gesicht und verbreitet mit unvoreingenommener Herzlichkeit selbstlos und großzügig seine Liebe.

In der nächstgelegenen Ortschaft besuchen wir verschiedene Geschäfte, um Kleidung für Babys und Kinder zu kaufen. Ein „Scheich“ – ein Mann, der sich auf religiöser Ebene Anerkennung erworben hat – berät uns und verschafft uns auch bessere Konditionen.

Neben einer Garage wohnt in einem vier Quadratmeter großen Verschlag eine sechsköpfigen Familie. Wir bringen eine Geldspende von 200 Dollar vorbei. Beim Verteilen von Bananen entsteht kurz etwas Begegnung mit den Kindern.

In einer gepflegten Wohnhaussiedlung bewohnt in einem Rohbau, in dem noch keine Fenster eingesetzt sind, eine Flüchtlingsfamilie einen Raum; dort sind auch Küchen- und Hygieneeinrichtungen untergebracht. Die Familie wirkt sehr besorgt. Ich gehe auf alle Viere und nähere mich den Kindern, die zu lachen beginnen und sich langsam nähern. Spontan entstehen sanfte Berührungen, Lachen und Spielen.

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Es geht weiter zum Schulzentrum der NGO Sonbola, die sich der Einführung geflüchteter syrischer Kinder und Jugendlicher der Camps im Bekaa-Tal ins libanesische Bildungssystem verpflichtet. Die Schule wird teilweise auch von UNICEF gefördert. Der Programm-Manager, Herr Ziad F. Ghneim, zeigt uns stolz und euphorisch die ausgezeichnet ausgestatteten Unterrichtsräume und Lehrmittel seiner Institution. Die Schule, ein umgestaltetes elegantes bürgerliches Wohnhaus mit großzügigem Garten, verfügt über sehr schön eingerichtete Klassenzimmer, eine Galerie mit Bibliothek und zwei EDV-Räume mit jeweils 25 Laptops. Sie veranstaltet auch Foto-Ausstellungen in Beirut für ihre jugendlichen Schüler, die ihr Leben in den Flüchtlingscamps auf Fotos dokumentiert haben. Als ich vor dem Lehrerkollegium von Original Play berichte, ist der durchgehende Tenor aller Lehrer/innen, sowohl der Männer als auch der Frauen, dass sie Original Play lernen und anwenden wollen. Es gibt reges Interesse, an einem Original Play Workshop mit Fred Donaldson teilzunehmen. Da die Schule erst wieder am 16. Oktober anfängt, begegnen uns noch keine Kinder, doch planen wir, bei unserem nächsten Besuch hier Original Play stattfinden zu lassen.

Das Camp Hasanein, das wir bereits im letzten Jahr besucht haben, ist nach wie vor von Stahlbetonbauten im Rohbau flankiert, welche von Libanesen für die Vermietung an Flüchtlingsfamilien konstruiert worden sind. Ihr Zustand hat sich allerdings nicht fortentwickelt. Die Kinder des Camps beäugen mich anfangsteils neugierig, teils misstrauisch. Doch schnell entsteht Kontakt. Die Menschen gehen sehr offen auf Soumaya, Marlene und Ingrid zu, da die drei Damen hier sehr bekannt sind. Ingrid zeigt Fotos vom Vorjahr, auf denen sich die Kinder erkennen; ihre Mütter lachen dazu. Es herrscht nun eine angenehme und wohlwollende Stimmung. Als es zu Fotogruppierungen kommt, entsteht auch körperlicher Kontakt mit den Kindern. Ich gebe ihnen die Hände, gehe auf die Knie und sie berühren meinen Kopf mit ihren Händen und Unterschenkeln. Es entsteht immer mehr Vertrauen und bald wollen die Kinder nicht mehr von unserer Seite weichen. Als wir aus dem nur einige Kilometer entfernten Hinterland Schüsse hören, beschließt Soumaya weiterzufahren, da sie einen Einsatz der Hisbollah vermutet. Mich beruhigt immer wieder dasselbe Wort: Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Sicherheit durch offene Kommunikation

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Der dritte Tag führt uns in das große Camp Jarrahieh, dem wir bereits letztes Jahr Besuche abgestattet haben. Vieles hat sich verändert – die Bäckerei ist eingestellt worden und die NGO Syrian Eyes hat die Partnerschaft mit Jasmin Hilfe aufgelöst. Statt miteinander geht man jetzt nebeneinander, was auch zu personellen Änderungen geführt hat. Im Zentrum des heutigen Besuchs steht das Verteilen von Spendengeldern an erkrankte Menschen, zum Beispiel für operative Eingriffe etc.  Am früheren Morgen treffen wir uns mit dem Arzt des Camps in einer Apotheke, um mit ihm über benötigte Medikamente zu sprechen und deren Kauf und Verteilung zu organisieren. Meine Rolle ist heute die eines Mediators im Gespräch zwischen Jasmin Hilfe und einem ihrer Mitarbeiter vor Ort. Mir ist wichtig, dass das Gespräch beiden Parteien genug Möglichkeit gibt, ihre Bedürfnisse zu äußern. Ich betone, dass das Gefühl von Sicherheit im Team ein ganz wichtiges Prinzip für die Arbeit von Jasmin-Hilfe ist. Es ist wichtig, dass im Team Vertrauen und offene Kommunikation gelebt wird, um das Gefühlt von Sicherheit im Team zu manifestieren. Erst dann kann auch nach außen hin das Gefühl von Sicherheit transportiert werden.

Heute erfahren wir viel über die persönlichen, menschlichen Probleme im Camp:  vom Verdacht auf Hodenkrebs und der Frage nach einer Finanzierung für die dafür notwendigen ärztlichen Eingriffe, von abgebrannten Zelten und dem Bedarf an Neubauten, von einer Zeltbewohnerin und vielfacher Mutter, die von ihrem Vermieter mit dem Rausschmiss bedroht wird, weil sie ihre Miete nicht bezahlt hat, obwohl Jasmin Hilfe diese Kosten bereits übernommen hat. Es geht in vielen Fällen also um das Ringen um die eigene Existenz und natürlich geht es um bessere Lebensbedingungen für sich selbst und für die eigene Familie.

Von Soumaya erfahre ich, dass der libanesische Ministerpräsident heute beim Besuch bei Frankreichs Staatspräsident Macron in einer öffentlichen Pressekonferenz mitgeteilt hat, dass Frankreich den Libanon zur Aufrüstung von Armee, Soldaten und Waffen unterstützen müsse, um die Flüchtlinge abzuschieben. Er scheint aus der Geschichte gelernt zu haben, dass er mit einer positiven Einstellung Flüchtlingen gegenüber nicht genug Wählerstimmen bekommt.

Ein weiteres Problem ist die finanzielle Situation der Flüchtlinge – auch in den Camps von Jasmin Hilfe. Ursprünglich sind sehr viele Menschen Nutznießer des Versorgungspakets der UN gewesen, doch wird dieses nun für immer mehr Menschen gestrichen. Die Credits, die die Menschen von der UN auf ihrer „Credit-Card“erhalten haben, sind von ursprünglich 28 Euro pro Monat zwischenzeitlich auf 14 Euro gesunken; mittlerweile sind es wieder 27 Euro. Einige Frauen kommen weinend zu uns, da sie aus diesem UN-Programm herausgefallen sind. Viele von ihnen sind Witwen, die mit acht bis zehn Kindern leben. Welche Kriterien von ihnen nicht erfüllt worden sind, ist nicht zu eruieren. Es deutet darauf hin, dass das von der UN versicherte Basiseinkommen nicht mehr für alle Betroffenen garantiert werden kann.

Das befreiende Lachen der Kinder

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Auch dieses Jahr besuchen wir die Jusoor School in einem besonders engen Stadtteil Beiruts, der von der Hisbollah kontrolliert wird. Empfangen werden wir vom Vize-Leiter der Schule, einem sehr engagierten jungen Mann. Diesmal sind nicht alle Kinder da, da es geregnet hat und viele Eltern ihre Kinder bei Regen nicht in die Schule schicken. Ich spiele mit zwei halben und mit vier ganzen Klassen (zu je 25 Kindern) mit Kindern im Alter zwischen vier und 13 Jahren. Die Gruppen spielen sehr unterschiedlich. Manche Kinder berühren nur meine Hände, andere – meist die Älteren – spielen körperlich sehr nah und intensiv; einige sind etwas steif, viele sind rund und locker. Soumaya beobachtet, wie sich ein Junge sehr verhalten auf allen Vieren wie ein scheues Tier nähert und vorsichtig zeigt, dass er Kontakt sucht, wobei er meine Laute beim Spielen imitiert. Es wird uns später berichtet, dass er einmal von ISIS entführt worden ist. In der letzten Runde spielt ein zwölfjähriger Junge mit roten Haaren und Sommersprossen mit mir. Über ihn hören wir, dass er immer wieder bei Straßen-Ampeln Kleinigkeiten verkauft, um Geld für die Familie zu erwirtschaften.

Vom Lehrpersonal wird uns viel Wohlwollen entgegengebracht und ebenfalls Interesse bekundet, an einem Original Play Workshop teilzunehmen.

Marlene beschreibt: „Urplötzlich hat sich das erste Mädchen auf Deinen Rücken begeben und danach sind alle Mädchen über Deinen Rücken gesprungen. Alle waren mutig und haben sich auf Deinen Rücken gehängt, das ging wie am Schnürchen. Das war wunderschön. Und das Lachen dabei, das befreiende Lachen der Kinder sowie das Mitwirken und die Augen, das war zauberhaft zu sehen.“

Aus Kämpfen wird Spielen– Ich sehe den Himmel

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Armin_Knauthe_Original Play_Libanon2017-IMG_7024Armin_Knauthe_Original Play_Libanon2017-IMG_7080Armin_Knauthe_Original-Play_Libanon2017-IMG_7126.jpg

Die Organisation Homs League Abroad unterhält drei Waisenhäuser in und um Tripoli. Letztes Jahr haben wir zwei davon besucht und dieses Jahr spiele ich im dritten Haus mit insgesamt 80 Kindern. Die meisten davon sind Halbwaisen, die ihre Väter verloren haben; zwei sind Vollwaisen. In der hauseigenen Werkstatt arbeiten die Mütter an Strick- und Nähmaschinen und produzieren für die gesamte Umgebung Uniformen, Bettwäsche, Pullover, Logos und vieles mehr.

Ein zehnköpfiger Chor und fünf Trommler begrüßen uns mit kräftigem und selbstsicherem Sologesang.

Gespielt wird dann in der Judo-Halle. Das Judo-Training ist Bestandteil des Schulkonzepts, richtet sich aber nur an die Burschen. Es wird von einem Syrer (6-facher Dan-Träger und internationaler Kampfrichter in seiner Heimat) und einem Libanesen geleitet. Zunächst lade ich die Musiker/innen des Begrüßungsakts zum Spielen ein. Die Burschen sind alle Judoka. Die Mädchen setzen sich auf eine Seite der Matten, die Burschen auf die andere, ein durchmischtes Sitzen gibt es nicht. Alle spielen mit mir. Bei den Jungen entsteht dann immer mehr eine Art „Ringkampf“. Es gefällt ihnen, Ihre Kräfte zu messen, und sie versuchen auch, mich in den „Schwitzkasten“ zu nehmen. Zum Glück bin ich durch das viele Spielen in Europa darauf vorbereitet. Es gelingt mir – ohne allzuviel Anstrengung -, im Spielen zu bleiben ohne ins Kämpfen zu kommen. In der letzten Runde fordere ich jede/n noch einmal einzeln auf, wobei ich mir diesmal bewusst mache, Ihnen nur mit Präsenz zu begegnen. Und da passiert das völlig Unerwartete. Die kämpferische Haltung der Kinder, die auf mich zukommen und mich festhalten wollen, schmilzt vor unseren überraschten Augen. Die Spannungen in den Körpern lösen sich auf. Es entstehen Umarmungen und liebevolles, weiches Spielen – und das mit jedem einzelnen Kind.

Die zweite Gruppe von Burschen spielt so mit mir, als würden sie dies jeden Tag tun. Die dritte Gruppe – es sind dies die Jüngsten – fällt durch ihr spontanes Lachen und die freudigen Ausrufe der Kinder auf. Ein Junge kann sich kaum halten vor Lachen und steckt damit alle Kinder und Erwachsenen am Rand an. Er schreit um sich und ruft: „Wow, ich mache einen Flip durch ihn. Ich sehe den Himmel!“.

Soumaya schreibt in ihrer E-Mail vom 14. Oktober 2017: Danke, dass du dabei bist und Kindern und Menschen in dieser aussichtslosen Lage einen Schimmer Hoffnung und ein Lachen auf Ihre Gesichter malst, ganz besonders den Kleinen, die so vom Herzen lachten. 

Ich fühle große Dankbarkeit in mir. Ich danke den engagierten Mitarbeitern/innen von Jasmin Hilfe für ihren einfühlsamen und aufreibenden Einsatz. Ganz besonders danke ich den Kindern. Im Spiel mit ihnen geht mein Herz auf und manchmal – einen Augenblick lang – sehe auch ich den Himmel.

 

Armin Knauthe

 

Spenden für das Spielen mit Flüchtlingskindern:

Verein Original Play Österreich – von Herzen spielen

Schallergasse 13/7, 1120 Wien

IBAN AT072020201520001320

BIC SPAMAT21XXX

www.originalplay.at

Spenden für Grundnahrungsmittel, Babynahrung, medizinische Versorgung wie medizinische Produkte und Geräte, Medikamente und Operationen sowie Unterkünfte und Bildung:

Jasmin-Hilfe e.V.

Commerzbank Düsseldorf

IBAN: DE20 300 400 000 805 813 300

BIC: COBA DE FF XXX

www.jasminhilfe.com

 

Fotos: ©Soumaya El-Azem, Marlene Abbara, Ingrid Töteberg, Armin Knauthe 2017

 

 

Original Play im Libanon 2016

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Persönlicher Projektbericht von Armin Knauthe (English Version)

Intuition und der Mut zu Lieben – Original Play mit Flüchtlingskindern im Libanon 2016

Intuition

Als mich Fred Donaldson, Ph.D. im April dieses Jahres fragte, ob ich in den Libanon mitfahren möchte, um dort gemeinsam mit ihm und anderen Teilnehmern mit – hauptsächlich syrischen – Flüchtlingskindern zu spielen, sagte ich sofort „Ja“. Dieses „Ja“ kam intuitiv und spontan aus mir heraus. „Use your intuition“ erinnert Fred immer wieder die Teilnehmer in seinen Workshops und Seminaren in Original Play.

Kalligraphie Karl Obermayer

“KAN“ – Intuition wählte Zen-Meister Karl Obermayer dieses Jahr als Kalligraphie für sein Billet anlässlich meines Geburtstags im Sommer. Das war eine Bekräftigung meines Vorhabens. Nach meiner Reise kann ich aus vollem Herzen sagen, dass es richtig war, meiner Intuition gefolgt zu sein.

Willkommen in Beirut

Beirut 2016

Die Stadt Beirut ist sehr lebendig, modern und voller Gegensätze. Neben heruntergekommenen Kolonialstil-Villen stehen Hochhäuser aus Glas und Aluminium. An der beliebten Strandpromenade befinden sich plötzlich Stacheldraht und Beobachtungsposten. Die Stadt pulsiert, doch im Zentrum selbst (Place de l’Étoile) ist alles ausgestorben und polizeilich überwacht, denn hier steht das Parlament – und die Stadtregierung befürchtet Anschläge. Die Menschen begegnen uns überall mit Offenheit und Freundlichkeit. „Welcome to Lebanon“ hören wir mehrmals am Tag.

Wir, das ist eine Gruppe von Menschen, die sich vorgenommen hat, hier im Libanon mit Flüchtlingskindern zu spielen. Original Play – ursprüngliches Spiel – nennen wir dieses Spiel, das kein menschliches Artefakt ist, sondern „ein Geschenk der Schöpfung, das sich allem Leben offenbart“. So beschreibt es Fred Donaldson, der vor 43 Jahren begonnen hat, dieses Kindern und wilden Tieren innewohnende Spiel zu erforschen und seine Muster und Prinzipien zu leben. Er selbst reist diesmal bereits zum vierten Mal mit der NGO Jasmin-Hilfe in den Libanon, um Original Play anzubieten, und hat dabei jedes Mal das Camp Jarahieh, das Trauma-Centrum in Tripoli und die unten beschriebenen Waisenhäuser besucht.

Koordinatorin der Reise ist Soumaya El-Azem – sie wird von Ingrid Töteberg begleitet. Beide sind von Jasmin-Hilfe e.V., einem Verein der humanitären Hilfe für syrische Kinder. Teilnehmer/innen sind Fred Donaldson (Entdecker von Original Play, USA), Rawan Alhusseini (Vereinigte Arabische Emirate), Noraini Mahmood (Bahrain), Sonja Mille (Österreich), Uwe Reisenauer (Deutschland) und Armin Knauthe (Österreich).

Auto-Flow und Hup-Konzert

Von unserem Stützpunkt in Beirut aus führt unser erster Spieltag in die nördlich gelegene Hafenstadt Tripoli. “Wer bremst, verliert“ scheint die Devise im Straßenverkehr im Libanon zu sein. Unser Fahrer Valid beherrscht die Kunst, den überdimensionalen Rover trotz des zähen Verkehrs und der Staus stets im Fluss und in Bewegung zu halten. “Hupen ist hier als eigene Sprache zu verstehen”, klärt uns Soumaya auf – die Nuancierung der Hup-Idiome ist dabei sehr vielschichtig und kann von “Achtung!” über “Fahr vorbei!“ bis „Schleich dich!” und viel viel mehr bedeuten. Nur langsam wächst die Stadt der Küstenstraße entlang aus – hinüber zu den kleinen Vorstädten von Tripoli, wo die Bebauung gleich wieder dichter wird. Die Hänge sind terrassenartig verbaut. Der Anblick erinnert mich kurz an die Hangbebauung von Lausanne und Montreux um den Genfer See, meiner zweiten Heimat in der Schweiz. Vielleicht rührt ja daher die ehemalige Bezeichnung für den Libanon als „Schweiz des Nahen Ostens“.

Future-Kids in Tripoli

Tripoli 2016

Mitten in Tripoli werden wir sehr herzlich von der Leiterin und den Lehrern eines Zentrums für traumatisierte syrische Flüchtlingskinder und -frauen empfangen. Die NGO International Humanitarian Relief ist der Träger, Jasmin Hilfe unterstützt es regelmäßig finanziell. In Windeseile wird ein Klassenraum ausgeräumt; wir legen gemeinsam mit einigen Kindern so viele Matten auf, bis fast der ganze Raum bedeckt ist.
Zuerst kommen 25 jüngere Kinder zum Spielen dran, Mädchen und Buben im Alter zwischen drei und sechs Jahren. Sie bleiben sehr friedlich um die Matten herum sitzen, sind mit hoher Aufmerksamkeit und offenen, lachenden Augen auf das Spiel fokussiert und spielen intensiv. Die zweite Gruppe besteht aus 15 Kindern im Schulalter. Die Mädchen wollen nicht gemeinsam mit den Jungs auf die Spielfläche kommen – sie spielen erst ganz am Schluss mit, als alle sieben gleichzeitig eingeladen werden.

Nach dem Spielen sprechen zwei jugendliche syrische Mädchen, die mit dem Neugeborenen ihrer älteren Schwester in die Einrichtung kommen, von ihren traumatischen Erlebnissen in ihrer Heimat. Noraini Mahmood, unsere Spielgefährtin aus Bahrain, kann sie an einen Sponsor vermitteln, durch den sie 150 Euro im Monat erhalten werden.

Am Nachmittag begrüßen uns lachende Kinder mit Händedruck und offenem Blickkontakt in einem Waisenhaus in einem Vorort von Tripoli. Die Matten breiten wir in der Aula aus; wir spielen mit vier Gruppen – insgesamt etwa 40 Kindern. Ein etwa fünfjähriger Junge – er trägt eine schwarze Brille und ist auf einem Auge blind – kommt nach dem Spiel zu mir, setzt sich auf meinen Schoß und bleibt da die ganze Pause über sitzen. Ich folge dabei seinem leichten Schaukeln, bis wir in ein gemeinsames sanftes Wiegen kommen. Eine kurze Autofahrt weiter erreichen wir eine andere Einrichtung für Halbwaisen in einem modern-klassizistischen, villenähnlichen Gebäude mit einem großen Garten, Terrassen und einem wunderbaren Ausblick über Tripoli.

Hier stehen die Kinder aufgereiht am Gartentor und empfangen uns ebenfalls mit aller Höflichkeit. Wir spielen mit etwa 50 Kindern im Alter zwischen 3 und 15 Jahren. Jasmin Hilfe unterstützt regelmäßig diese beiden und ein weiteres Waisenhaus in Tripoli finanziell.

Zum Abschluss wird uns zu Ehren unter bereits dunklem Abendhimmel auf der Terrasse eine Tanz-Choreographie von den Mädchen und ein Chorgesang von den älteren Burschen zum Besten gegeben. Ich finde beides sehr berührend und bin von dem ausgeprägten Selbstbewusstsein der Kinder sehr beeindruckt. Von „No-Future-Kids“ kann hier in meinen Augen keine Rede sein.

„Hi mister! I love you!“

Beirut 2016

Schwarze Transparente mit großen arabischen Schriftzeichen sind über die Straße gespannt. Es handle sich um islamistische Worte der Hisbollah; sie kontrolliere diesen dichten Stadtteil Beiruts, wird uns erklärt. Hier befindet sich die Jusoor-Schule in einem alten Bürgerhaus. Wir spielen im Hof, der auch als Pausenraum genützt wird – für die vielen Kinder unterschiedlichen Alters aber eindeutig zu dicht ist.

In der Pause kommt es zu vielen Raufereien. Ich gehe mit meinem Körper spielerisch zwischen kämpferische Jungs. Einer von Ihnen wirkt besonders kontrollierend. Sein Blick ist streng und er hat keine Hemmungen, auf andere Kinder einzuschlagen. Als er meine Interventionen bemerkt, baut sich der etwa 12-Jährige vor mir auf und droht mir mit den Fäusten. Ich nehme eine Faust sofort sanft in die Hand, gebe ihr ein Küsschen und spiele mit ihr. Das wiederholt sich in regelmäßigen Abständen, bis sich sein Blick ändert. Ich habe das Gefühl, er hat verstanden, was ich mache. Nach wie vor beobachte ich, wie er ausholt und ein Kind schlagen oder treten will. Dann schaut er auf mich, sieht meinen Blick und hört auf. Auf den Matten spielt er wie ein kleiner Junge mit mir, mit viel Energie – gleichzeitig weich und rund – und er lacht dabei.

Das Gespräch mit der Managerin der Jusoor-Organisation gibt uns Einblick in die Lebensverhältnisse der Kinder. Viele wohnen mit ihren Eltern und Familien in nur einem Zimmer auf engstem Raum zusammen, ein Junge sogar mit 15 Geschwistern (von zwei Müttern). Viele verrichten Kinderarbeit – häusliche Gewalt sei an der Tagesordnung: ein Junge müsse im Freien schlafen, wenn er etwas angestellt hat. Die Schlafplätze werden oft schichtweise abgewechselt. Die vier Stunden, die die Kinder täglich in die Schule kommen dürfen – auch hier gibt es zwei Schichten mit insgesamt 200 Schülern – sind in erster Linie Befreiung aus der häuslichen Enge. Doch auch hier sei es zu eng und dicht, um dem Bewegungs- und Explorationsbedürfnis der Kinder gerecht zu werden. Auch dieser Mangel mündet oftmals in Aggression.

Ein libanesischer Junge aus dem Nachbarhaus (ca. 13 Jahre) hat offensichtlich das Spielen beobachtet. Er ruft mir in der Mittagspause zu: “Hi Mister! You make a great Job”. Beim Verlassen der Einrichtung sieht er mich auf der Straße wieder. Mit den Worten “Hi Mister! I love you” wirft er mir ein Kusshändchen zu, das ich von Herzen erwidere.

Bekaa – Elend und Würde

Bekaa 2016

Keine Fotos, keinen Zeitungs- oder Fernsehbericht sehe ich hier, sondern die nackte, echte Realität: dreidimensional, staubig, schmutzig, stinkend und beklemmend. Das Flüchtlings-lager Jarahieh in der Bekaa-Hochebene bietet 198 Familien Unterkunft. Das sind bei durchschnittlich sieben Köpfen pro Familie etwa 1.400 Menschen, davon 800 Kinder. Viele davon sind nicht registriert und müssen den Boden für ihre improvisierten Behausungen aus Holz, Plastik, Planen und Wellblech – Zelte genannt – um etwa 150 US $ pro Monat pachten. Erst vor kurzem hat hier die Jusoor Organisation ein Holzgebäude errichtet, das als Schule dient. Auf dem staubigen Boden legen wir die Matten auf und spielen heute mit sechs Gruppen zu je etwa 14 bis 16 Kindern. Im Nachbarraum wird immer wieder gehämmert – Jugendliche bauen den zweiten Raum aus. Fred bleibt an der Tür, da sich draußen Kinder drängen, um mitzuspielen.

Diesmal fühlen wir von einigen Kindern auch Aggression auf der Spielfläche. Einige Burschen würgen beim Spielen, einer beißt etwas, ein Mädchen schlägt und stößt wild herum. Und auch diesmal sind Muster zu beobachten, die bei Original Play oft vorkommen. Ein Junge der nicht mitgespielt hat, kommt nach dem Spiel zu mir auf die Fläche und umarmt mich. Ein kleiner Junge mit Windeln setzt sich von Anbeginn auf meinen Schoß und verweilt dort. Der Bub, der mich würgt, löst den Druck seines Arms und entspannt sich, als ich ihm sanft in sein linkes Auge blicke und kurz innehalte. Ein Mädchen will unbedingt ein zweites Mal mitspielen und zeigt mir ein sehr böses Gesicht, als ich es ihm nicht erlaube. Beim Abschied lacht und strahlt es mich wieder an.

Zu Mittag erhalten wir frisch gebackene Teigtaschen aus der Camp-eigenen Bäckerei. Gespeist wird in der Ambulanz, einem Sanitäts-Kontainer, der im Herbst 2015 um etwa 20.000 US $ errichtet worden ist. Beides sind – in Planung, Ausführung und Finanzierung – Projekte von Jasmin-Hilfe. Sie zahlt auch die monatlichen Gehälter von einem Arzt, einer Krankenschwester, den Bäckerinnen, einem Wachmann und einer Lehrerin aus.

Wir statten mehreren Flüchtlingslagern Kurzbesuche ab, um uns ein Bild von ihrem Zustand zu machen. In den meisten davon fehlt es am Notwendigsten: sauberes Trinkwasser, Kiesbeschüttung, um Schlammbildung bei Regen und Schnee im Winter zu vermeiden, Holz, Toiletten, Senkgruben und
Windeln. Jasmin-Hilfe versucht diesem Mangel immer wieder zu begegnen, doch die Mittel sind angesichts des Größenordnung limitiert. Die Menschen, die schon länger hier sind, werden allmählich frustriert. Ein Brand im großen Lager letzte Woche hat insbesondere die Kinder sehr verunsichert.

In einigen wenigen Camps aber gedeihen Blumen und Gärten, und die dort lebenden Menschen gestalten gemeinsam mit den Behörden eine friedliche Umgebung nach ihren Bedürfnissen.

Trotz aller widrigen Umstände werden wir immer wieder mit einem Lächeln empfangen und auch
Kusshändchen fliegen uns zu. Bei aller Armut und allem Elend spüre ich in jeder Begegnung eine Art von Stärke, etwas, was allem rings herum die Bedrohlichkeit nimmt: menschliche Würde.

„Don’t cry“ – ein Trost

Bekaa 2016

Am zweiten Tag im Camp Jarrahieh in der Bekaa-Ebene dürfen die Buben nicht mitspielen. Sie hätten am Vortag eine Wasserleitung kaputt gemacht und die Camp-Leitung hat ihnen heute verboten, das Schulgebäude zu betreten. Es spielen also nur Mädchen, zwei Gruppen, insgesamt etwa 30, einige davon spielen zweimal.

Unmittelbar nach dem Spiel läuft ein Mädchen zu mir auf die Matten und küsst mich ganz unerwartet auf die Wange. An sich passiert mir das sehr oft bei Original Play, doch rührt es mich diesmal so sehr, dass mir leicht die Tränen kommen. Noraini steht hinter mir – und auch sie weint. „Don’t cry“ sagen die Mädchen, die um sie stehen und berühren sie tröstend.

Wir verteilen mit und für Jasmin-Hilfe Kekse, Windeln und Gewand, besuchen die Familie der Camp-Lehrerin, deren Kinder für uns auf orientalischen Instrumenten musizieren, und auch die Familie eines spastischen jungen Mannes. Er erkennt Fred sofort wieder, und sein Gesicht strahlt vor Freude, als Fred mit seinem Bart über seine Hände streicht.

Nach dem Spielen in einem weiteren Camp und einigen Kurzbesuchen in unterschiedlichen Lagern sind wir bei der Familie unseres Fahrers Valid auf der Heimfahrt zum Tee eingeladen. Seine Großmutter möchte Fred unbedingt wiedersehen. Etwa 20 Familienmitglieder empfangen uns auf das Herzlichste. Die Frauen geben uns Männern sogar die Hand und Valids Großmutter küsst uns alle auf die Wangen. Ihr Blick ist durchdringend, als ob sie mir direkt in die Seele schauen könnte. Als ich mich zu ihr auf das Sofa setze wird mir sogar die besondere Ehre zuteil, dass sie mich auf das Haupt küsst.

Auf kurvigen Bergstraßen fahren wir im nächtlichen Dunkel erschöpft und doch von Trost und Liebe eingebettet nach Beirut zurück.

Shatila unter Strom

Shatila 2016

Mit der Warnung „Achtet auf die Stromkabel! Immer wieder sterben Menschen an Stromschlägen!“ machen wir uns auf den Weg in das Beiruter Camp Shatila. Es ist 1949 für palästinensische Flüchtlinge errichtet worden, ist einen Quadratkilometer groß und beherbergt heute 22.000 Menschen, darunter mittlerweile auch viele syrische Flüchtlinge. Die fünf- bis siebenstöckige Stahlbetonskelett-Bebauung ähnelt einer mittelalterlichen Struktur und lässt dunkle, enge Straßenschluchten frei, in denen ein Gewirr an Stromkabeln neben Wasserleitungs-Schläuchen teilweise bis zum Boden herunterhängt.

Die Leiterin des Kindergartens, in dem wir heute spielen, berichtet uns aus ihrem eigenen Leben im Camp sowie vom Massaker von 1982 und vielen anderen Gewaltakten, die die Eltern- und Großelterngeneration der heutigen Kinder traumatisiert hätten.

Tatsächlich begegnen uns viele der 75 Kinder beim Spielen sehr verhalten, manche regelrecht apathisch. Ein Junge legt sich einfach nur auf mich drauf und lässt sich wiegen. Er selbst bleibt dabei regungslos. Einige Mädchen machen es ihm gleich.

Der Kindergarten ist innen sehr sauber, freundlich und liebevoll gestaltet. Die Räume benötigen zwar Kunstlicht, doch gibt es auf der Dachterrasse einen großzügigen Spielbereich für die Kinder.

Auf unserer Führung durch das Straßenlabyrinth von Shatila durch eine Pädagogin halten wir kurz inne, weil vor uns junge Männer an den unzähligen Stromkabeln arbeiten. Ich frage den Kaffee-Bar-Eigentümer neben mir, ob er das als gefährlich einstufe, worauf er erwidert: „It’s very dangerous! The whole camp is garbage!“ („Es ist sehr gefährlich! Das gesamte Camp ist Müll!“) Ich frage mich wieviel Geld wohl vonnöten sei, um aus Shatila einen schönen und vor allem sicheren Stadtteil Beiruts zu machen.

Mut zu Lieben

An all den Orten im Libanon, wohin wir eingeladen wurden, um mit Kindern zu spielen, gibt es noch sehr viel zu tun, zu arbeiten, zu organisieren und zu verbessern.

Trotz all der widrigen Umstände, der furchtbaren Erfahrungen von Gefahr, Flucht, Verlust und Trauer, begegneten mir die Kinder immer wieder mit spontaner Liebe. Es war so, als würden sie mir dadurch die Frage stellen: „Hast du den Mut, meine Liebe zu erwidern?“ Ich weiß nicht, ob ich jede/n einzelne/n von ihnen genug zurück lieben konnte. Doch weiß ich, dass – solange es Kinder gibt – für mich noch die Hoffnung besteht, es zu lernen.

Armin Knauthe

 

Spenden für das Spielen

mit Flüchtlingskindern:

Verein Original Play Österreich – von Herzen spielen

Tivoligasse 15/1,
1120 Wien

IBAN AT072020201520001320

BIC SPAMAT21XXX

www.originalplay.at

 

Spenden für Grundnahrungsmittel, Babynahrung, medizinische
Versorgung wie medizinische Produkte und Geräte, Medikamente und
Operationen sowie Unterkünfte und Bildung
:

Jasmin-Hilfe e.V.

Commerzbank
Düsseldorf

IBAN DE20 300 400 000 805 813 300

BIC COBA DE FF XXX

www.jasminhilfe.com

Smile Bekaa 2016

Fotos: ©Noraini Mahmood, Sonja Mille, Ingrid Töteberg,
Armin Knauthe 2016