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Original Play im Libanon 2017

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Persönlicher Projektbericht von Armin Knauthe

Es ist, was es ist, sagt die Liebe – Original Play mit Flüchtlingskindern im Libanon 2017

Als im Sommer 2017 die Anfrage von Jasmin Hilfe e. V. gekommen ist, auch dieses Jahr wieder mit in den Libanon zu fahren, um mit geflüchteten Kindern zu spielen, ist mein „Ja“ bereits vorprogrammiert. Meine Erfahrungen aus dem Vorjahr wollen fortgesetzt und vertieft werden.

Dear Children!

 

 

 

 

 

 

 

Ladies and gentlemen, dear children! … lautet die Begrüßung des Piloten von Turkish Airways. Das gefällt mir. Ja, auch Kinder fliegen mit und mich wundert es, dass ich zum ersten Mal höre, wie sie von der Besatzung einer Flugzeuggesellschaft wahrgenommen, direkt angesprochen und willkommen geheißen werden. Ich denke an die gewichtige Aussage des amerikanischen Entwicklungspsychologen Urie Bronfenbrenner: „Damit sich ein Kind normal entwickelt, muss jemand auf ganz irrationale Weise vernarrt in diesen kleinen Menschen sein.“ Und auf einmal wird mir die mögliche Verantwortung meiner Aufgabe wieder bewusst.

Am Abend treffe ich das Team von Jasmin Hilfe: die Gründerin und Vorstandsvorsitzende Marlene Abbara, die letztes Jahr bei der Herbstreise nicht dabei gewesen ist, sowie die beiden mir schon zu Freundinnen gewordenen Damen Soumaya El-Azem, zweite Vorsitzende und Koordinatorin der Reise sowie Ingrid Töteberg, Schriftführerin und Photographin. In einem lauschig von Pflanzen überwachsenen Gastgarten besprechen wir den Verlauf unserer Reise und freuen uns gemeinsam über unsere Aufgabe und unsere Verbundenheit.

Der schönsteTag

 

 

 

 

 

 

 

Unser stets aufmerksamer und heiterer Fahrer Walid bringt uns mit seinen äußerst flexiblen Fahrkünsten sicher in das Camp 002 – ein ganz neues Camp in der Bekaa-Ebene, welches von Jasmin Hilfe finanziert und aufgebaut worden ist. Ein großes Problem stellt die Zufahrtsstraße dar. Bereits jetzt im Oktober ist sie schwer zu befahren, weist große Schlaglöcher auf und ist weder geteert oder sonst gefestigt. Der bevorstehende Winter und die damit ins Land ziehende Regenzeit könnten die Zufahrt zum Camp, die etwa 600 Meter beträgt, nicht mehr möglich machen. Auch drinnen im Camp ist der Boden nur gestampft. Um bei den heftigen Regenfällen nicht im Schlamm zu versinken, müsste alles mit Kies aufgeschüttet werden.

Das Bild das sich zeigt, als wir ins Camp hineinfahren, erinnert an den Film „Krieg der Knöpfe“.  Auf dem großen zentralen Platz sind nur Kinder zu sehen– etwa 200. Viele begrüßen uns aufgeregt und winken lebhaft, denn sie erkennen Marlene, Ingrid und Soumaya sofort wieder. Dahinter bewerfen Kinderbanden einander mit Gurken. Dazwischen sind Jugendliche, die – mit kurzen Schlauchstücken bewaffnet – Schläge austeilen. Auch Erwachsene benutzen diese Gummistöcke, um durch Schläge oder zumindest die Androhung von Schlägen Ordnung in diese große Kinderschar bringen zu wollen. Für mich wirkt das alles sehr chaotisch. Eine innere Stimme beruhigt mich: „Es ist, was es ist, sagt die Liebe.“(Erich Fried, 1983)

Wir haben das Glück, im Wohnhaus des Vorstands des Camps spielen zu dürfen. Hier breiten wir eine kleine Mattenfläche aus und laden die Kinder in Gruppen von etwa 15 bis 17 Kindern zum Spielen ein. Vor der Tür des Wohnraumes herrscht großer Andrang. Als es darum geht, die Kinder auszuwählen, wollen Erwachsene mit Stöcken und harten Schläuchen eingreifen. Schnell nehme ich einem Mann den Stock aus der Hand und schmiege ihn an mein Gesicht. Schließlich gebe ich ihm ein Küsschen auf seinen Handrücken und ernte erstaunlicher Weise verständnisvolle Blicke von ihm und den anderen Männern. Die Stöcke werden nun beiseite gelegt.

Die Gruppen sind sehr unterschiedlich. Es gibt Gruppen mit sehr jungen Kindern, die sich erst langsam nähern, um Vertrauen aufzubauen und erst allmählich immer mehr ins Spielen kommen. Dann gibt es wieder Gruppen mit Kindern im Alter von acht bis neun Jahren, die von Anfang an sehr körperlich und mit hoher Energie spielen. Das Spielverhalten der Kinder ist genauso, wie ich es von europäischen Kindern kenne. Ein etwa elf Jahre altes Mädchen hat besonders viel Freude daran, mich zu schubsen und dabei zu beobachten, wie mein Körper reagiert. Als ich dann einmal alle Mädchen einlade, beginnen einige, mich gemeinsam zu schubsen, woraufhin ich zur Gruppe von Mädchen auf der anderen Seite der Matten rolle. Schließlich werde ich wie ein Ping Pong Ball von einer Richtung zur anderen gerollt. Dabei entsteht ein sehr heiteres Spiel, bei dem mich erstmals auch Mädchen berühren, die in den ersten Spielrunden nicht zu mir auf die Matten gekommen sind. Ein Mädchen macht in der Schlussrunde die Bemerkung: „Ich möchte immer so mit meinen Freunden spielen, wie ich heute mit Armin gespielt habe.“


 

 

 

 

 

 

Sehr häufig wollen Kinder öfter als einmal zum Spielen kommen. Einige von ihnen machen den Versuch, sich zu verkleiden – ein Junge klebt sich ein Pflaster auf die Wange, andere Kinder tauschen ihre Kleidung aus, um am Eingang unerkannt bei der Auslese durchzukommen. Ein Junge, der ein zweites Mal zum Spielen kommen will, schaut zum Fenster hinein und streckt mir die Hand entgegen. Ich deute ein Küsschen auf seinen Handrücken an; daraufhin ergreift er meine Hand und gibt mir einen Kuss darauf.

Von meinen Begleiterinnen wird mir übersetzt, dass einige Kinder ausrufen:  „Das ist der schönste Tag in meinem Leben.

Strahlende Gesichter

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Wir besuchen das Camp Shahir. Es liegt in einem Tal, das auf einer Seite von der libanesischen Hügellandschaft und auf der anderen Seite von syrischen Bergen flankiert wird. Hier sind wir schon im Vorjahr gewesen. Strukturell ist einiges verbessert worden. Das Rinnsal vor dem Camp, das letztes Jahr noch offen, verschmutzt und Heimstätte für viele Ratten gewesen ist, ist zu einem Kanal umgebaut worden, wo Schmutzwasser gesammelt und Regenwasser drainiert wird. Durch den starken Zuwachs an Zelten sind die Einfahrten für die LKWs zu schmal geworden, sodass die Lieferanten nicht ins Camp kommen. Auch hier kann sich bei Regenwetter sofort Schlamm bilden. Große Kiesmengen sind vonnöten, um das zu verhindern und für Sicherheit zu sorgen.

Der Vorsteher führt uns durch das Camp. Sofort kommen Blickbeziehungen und Kontakte mit den Kindern zustande. Wir erregen ihre Neugier. Sie scharen sich um uns herum und begleiten uns auf unserm Weg durch die Zeltlandschaft. Dabei findet viel Berührung statt. Die Kinder geben mir die Hand, kommen näher und stellen sich für Fotos zu uns.

Vom Vorsteher werden wir zu einem Kaffee auf die Veranda seines Wohn-Zelts gebeten. Wir entscheiden uns, in seinem Haus auf Teppichen Original Play anzubieten. Bei den zehn Kindern, die zum Spielen ausgewählt werden, handelt es sich um Familienangehörige des Vorstehers. Er möchte nicht, dass andere Kinder sein Haus betreten. Die Kinder sind im Alter zwischen zweieinhalb und neun Jahren. In der ersten Runde sind die Mädchen verhalten und spielen nicht mit. In der zweiten Runde macht dann doch ein junges Mädchen in rotem Gewand mit. Sie klettert auf mir herum, spielt intensiv und steckt mit ihrem herzhaften Lachen die ganze Runde an. Die Buben spielen mit unterschiedlicher Nähe. Bei der letzten Runde lade ich alle Kinder ein; bis auf zwei Mädchen spielen alle mit.

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Einen Kilometer entfernt liegt ein weiteres Camp, das von Jasmin Hilfe betreut wird. Es wirkt recht unstrukturiert. Die Zelte sind rund um einen großen Platzt angeordnet, wo vor kurzem ein Baum gepflanzt worden ist, der auf mich aber nicht sehr lebendig wirkt. Alles ist stark ausgetrocknet. Die Menschen scheinen hier eher nebeneinander als miteinander zu leben. Soumaya schätzt, dass es sich bei ihnen nicht um Beduinen, sondern um Menschen mit Zigeuner-Abstammung handle. Auch hier führt uns ein Vorsteher herum und deutet auf die vielfältigen Missstände hin, die denen in den anderen Camps gleichen: mangelnde Kies-Beschüttung, eingeschränkte Versorgung mit Trinkwasser, keine Kanalisation, herunterhängende Elektrokabel, usw. Beim Durchgang entsteht immer mehr Kontakt und Vertrauen zu den Kindern. In einem Zelt lebt eine Familie, die durch ihre vier durch einen Gendefekt beeinträchtigten Kinder auffällt.  Die vier Geschwister sehen einander sehr ähnlich und zeichnen sich durch ihre liebvolle Art aus. Der Sechsjährige unter ihnen strahlt mich an, kommt mit einem gewinnbringenden Lächeln auf mich zu. Ich gehe auf die Knie und schon folgt ganz selbstverständlich eine innige Umarmung. Er kuschelt sich an mich, ich streichle ihn an der Wange. Auch Marlene streichelt ihn am Hinterkopf. Er strahlt über das ganze Gesicht und verbreitet mit unvoreingenommener Herzlichkeit selbstlos und großzügig seine Liebe.

In der nächstgelegenen Ortschaft besuchen wir verschiedene Geschäfte, um Kleidung für Babys und Kinder zu kaufen. Ein „Scheich“ – ein Mann, der sich auf religiöser Ebene Anerkennung erworben hat – berät uns und verschafft uns auch bessere Konditionen.

Neben einer Garage wohnt in einem vier Quadratmeter großen Verschlag eine sechsköpfigen Familie. Wir bringen eine Geldspende von 200 Dollar vorbei. Beim Verteilen von Bananen entsteht kurz etwas Begegnung mit den Kindern.

In einer gepflegten Wohnhaussiedlung bewohnt in einem Rohbau, in dem noch keine Fenster eingesetzt sind, eine Flüchtlingsfamilie einen Raum; dort sind auch Küchen- und Hygieneeinrichtungen untergebracht. Die Familie wirkt sehr besorgt. Ich gehe auf alle Viere und nähere mich den Kindern, die zu lachen beginnen und sich langsam nähern. Spontan entstehen sanfte Berührungen, Lachen und Spielen.

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Es geht weiter zum Schulzentrum der NGO Sonbola, die sich der Einführung geflüchteter syrischer Kinder und Jugendlicher der Camps im Bekaa-Tal ins libanesische Bildungssystem verpflichtet. Die Schule wird teilweise auch von UNICEF gefördert. Der Programm-Manager, Herr Ziad F. Ghneim, zeigt uns stolz und euphorisch die ausgezeichnet ausgestatteten Unterrichtsräume und Lehrmittel seiner Institution. Die Schule, ein umgestaltetes elegantes bürgerliches Wohnhaus mit großzügigem Garten, verfügt über sehr schön eingerichtete Klassenzimmer, eine Galerie mit Bibliothek und zwei EDV-Räume mit jeweils 25 Laptops. Sie veranstaltet auch Foto-Ausstellungen in Beirut für ihre jugendlichen Schüler, die ihr Leben in den Flüchtlingscamps auf Fotos dokumentiert haben. Als ich vor dem Lehrerkollegium von Original Play berichte, ist der durchgehende Tenor aller Lehrer/innen, sowohl der Männer als auch der Frauen, dass sie Original Play lernen und anwenden wollen. Es gibt reges Interesse, an einem Original Play Workshop mit Fred Donaldson teilzunehmen. Da die Schule erst wieder am 16. Oktober anfängt, begegnen uns noch keine Kinder, doch planen wir, bei unserem nächsten Besuch hier Original Play stattfinden zu lassen.

Das Camp Hasanein, das wir bereits im letzten Jahr besucht haben, ist nach wie vor von Stahlbetonbauten im Rohbau flankiert, welche von Libanesen für die Vermietung an Flüchtlingsfamilien konstruiert worden sind. Ihr Zustand hat sich allerdings nicht fortentwickelt. Die Kinder des Camps beäugen mich anfangsteils neugierig, teils misstrauisch. Doch schnell entsteht Kontakt. Die Menschen gehen sehr offen auf Soumaya, Marlene und Ingrid zu, da die drei Damen hier sehr bekannt sind. Ingrid zeigt Fotos vom Vorjahr, auf denen sich die Kinder erkennen; ihre Mütter lachen dazu. Es herrscht nun eine angenehme und wohlwollende Stimmung. Als es zu Fotogruppierungen kommt, entsteht auch körperlicher Kontakt mit den Kindern. Ich gebe ihnen die Hände, gehe auf die Knie und sie berühren meinen Kopf mit ihren Händen und Unterschenkeln. Es entsteht immer mehr Vertrauen und bald wollen die Kinder nicht mehr von unserer Seite weichen. Als wir aus dem nur einige Kilometer entfernten Hinterland Schüsse hören, beschließt Soumaya weiterzufahren, da sie einen Einsatz der Hisbollah vermutet. Mich beruhigt immer wieder dasselbe Wort: Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Sicherheit durch offene Kommunikation

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Der dritte Tag führt uns in das große Camp Jarrahieh, dem wir bereits letztes Jahr Besuche abgestattet haben. Vieles hat sich verändert – die Bäckerei ist eingestellt worden und die NGO Syrian Eyes hat die Partnerschaft mit Jasmin Hilfe aufgelöst. Statt miteinander geht man jetzt nebeneinander, was auch zu personellen Änderungen geführt hat. Im Zentrum des heutigen Besuchs steht das Verteilen von Spendengeldern an erkrankte Menschen, zum Beispiel für operative Eingriffe etc.  Am früheren Morgen treffen wir uns mit dem Arzt des Camps in einer Apotheke, um mit ihm über benötigte Medikamente zu sprechen und deren Kauf und Verteilung zu organisieren. Meine Rolle ist heute die eines Mediators im Gespräch zwischen Jasmin Hilfe und einem ihrer Mitarbeiter vor Ort. Mir ist wichtig, dass das Gespräch beiden Parteien genug Möglichkeit gibt, ihre Bedürfnisse zu äußern. Ich betone, dass das Gefühl von Sicherheit im Team ein ganz wichtiges Prinzip für die Arbeit von Jasmin-Hilfe ist. Es ist wichtig, dass im Team Vertrauen und offene Kommunikation gelebt wird, um das Gefühlt von Sicherheit im Team zu manifestieren. Erst dann kann auch nach außen hin das Gefühl von Sicherheit transportiert werden.

Heute erfahren wir viel über die persönlichen, menschlichen Probleme im Camp:  vom Verdacht auf Hodenkrebs und der Frage nach einer Finanzierung für die dafür notwendigen ärztlichen Eingriffe, von abgebrannten Zelten und dem Bedarf an Neubauten, von einer Zeltbewohnerin und vielfacher Mutter, die von ihrem Vermieter mit dem Rausschmiss bedroht wird, weil sie ihre Miete nicht bezahlt hat, obwohl Jasmin Hilfe diese Kosten bereits übernommen hat. Es geht in vielen Fällen also um das Ringen um die eigene Existenz und natürlich geht es um bessere Lebensbedingungen für sich selbst und für die eigene Familie.

Von Soumaya erfahre ich, dass der libanesische Ministerpräsident heute beim Besuch bei Frankreichs Staatspräsident Macron in einer öffentlichen Pressekonferenz mitgeteilt hat, dass Frankreich den Libanon zur Aufrüstung von Armee, Soldaten und Waffen unterstützen müsse, um die Flüchtlinge abzuschieben. Er scheint aus der Geschichte gelernt zu haben, dass er mit einer positiven Einstellung Flüchtlingen gegenüber nicht genug Wählerstimmen bekommt.

Ein weiteres Problem ist die finanzielle Situation der Flüchtlinge – auch in den Camps von Jasmin Hilfe. Ursprünglich sind sehr viele Menschen Nutznießer des Versorgungspakets der UN gewesen, doch wird dieses nun für immer mehr Menschen gestrichen. Die Credits, die die Menschen von der UN auf ihrer „Credit-Card“erhalten haben, sind von ursprünglich 28 Euro pro Monat zwischenzeitlich auf 14 Euro gesunken; mittlerweile sind es wieder 27 Euro. Einige Frauen kommen weinend zu uns, da sie aus diesem UN-Programm herausgefallen sind. Viele von ihnen sind Witwen, die mit acht bis zehn Kindern leben. Welche Kriterien von ihnen nicht erfüllt worden sind, ist nicht zu eruieren. Es deutet darauf hin, dass das von der UN versicherte Basiseinkommen nicht mehr für alle Betroffenen garantiert werden kann.

Das befreiende Lachen der Kinder

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Auch dieses Jahr besuchen wir die Jusoor School in einem besonders engen Stadtteil Beiruts, der von der Hisbollah kontrolliert wird. Empfangen werden wir vom Vize-Leiter der Schule, einem sehr engagierten jungen Mann. Diesmal sind nicht alle Kinder da, da es geregnet hat und viele Eltern ihre Kinder bei Regen nicht in die Schule schicken. Ich spiele mit zwei halben und mit vier ganzen Klassen (zu je 25 Kindern) mit Kindern im Alter zwischen vier und 13 Jahren. Die Gruppen spielen sehr unterschiedlich. Manche Kinder berühren nur meine Hände, andere – meist die Älteren – spielen körperlich sehr nah und intensiv; einige sind etwas steif, viele sind rund und locker. Soumaya beobachtet, wie sich ein Junge sehr verhalten auf allen Vieren wie ein scheues Tier nähert und vorsichtig zeigt, dass er Kontakt sucht, wobei er meine Laute beim Spielen imitiert. Es wird uns später berichtet, dass er einmal von ISIS entführt worden ist. In der letzten Runde spielt ein zwölfjähriger Junge mit roten Haaren und Sommersprossen mit mir. Über ihn hören wir, dass er immer wieder bei Straßen-Ampeln Kleinigkeiten verkauft, um Geld für die Familie zu erwirtschaften.

Vom Lehrpersonal wird uns viel Wohlwollen entgegengebracht und ebenfalls Interesse bekundet, an einem Original Play Workshop teilzunehmen.

Marlene beschreibt: „Urplötzlich hat sich das erste Mädchen auf Deinen Rücken begeben und danach sind alle Mädchen über Deinen Rücken gesprungen. Alle waren mutig und haben sich auf Deinen Rücken gehängt, das ging wie am Schnürchen. Das war wunderschön. Und das Lachen dabei, das befreiende Lachen der Kinder sowie das Mitwirken und die Augen, das war zauberhaft zu sehen.“

Aus Kämpfen wird Spielen– Ich sehe den Himmel

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Die Organisation Homs League Abroad unterhält drei Waisenhäuser in und um Tripoli. Letztes Jahr haben wir zwei davon besucht und dieses Jahr spiele ich im dritten Haus mit insgesamt 80 Kindern. Die meisten davon sind Halbwaisen, die ihre Väter verloren haben; zwei sind Vollwaisen. In der hauseigenen Werkstatt arbeiten die Mütter an Strick- und Nähmaschinen und produzieren für die gesamte Umgebung Uniformen, Bettwäsche, Pullover, Logos und vieles mehr.

Ein zehnköpfiger Chor und fünf Trommler begrüßen uns mit kräftigem und selbstsicherem Sologesang.

Gespielt wird dann in der Judo-Halle. Das Judo-Training ist Bestandteil des Schulkonzepts, richtet sich aber nur an die Burschen. Es wird von einem Syrer (6-facher Dan-Träger und internationaler Kampfrichter in seiner Heimat) und einem Libanesen geleitet. Zunächst lade ich die Musiker/innen des Begrüßungsakts zum Spielen ein. Die Burschen sind alle Judoka. Die Mädchen setzen sich auf eine Seite der Matten, die Burschen auf die andere, ein durchmischtes Sitzen gibt es nicht. Alle spielen mit mir. Bei den Jungen entsteht dann immer mehr eine Art „Ringkampf“. Es gefällt ihnen, Ihre Kräfte zu messen, und sie versuchen auch, mich in den „Schwitzkasten“ zu nehmen. Zum Glück bin ich durch das viele Spielen in Europa darauf vorbereitet. Es gelingt mir – ohne allzuviel Anstrengung -, im Spielen zu bleiben ohne ins Kämpfen zu kommen. In der letzten Runde fordere ich jede/n noch einmal einzeln auf, wobei ich mir diesmal bewusst mache, Ihnen nur mit Präsenz zu begegnen. Und da passiert das völlig Unerwartete. Die kämpferische Haltung der Kinder, die auf mich zukommen und mich festhalten wollen, schmilzt vor unseren überraschten Augen. Die Spannungen in den Körpern lösen sich auf. Es entstehen Umarmungen und liebevolles, weiches Spielen – und das mit jedem einzelnen Kind.

Die zweite Gruppe von Burschen spielt so mit mir, als würden sie dies jeden Tag tun. Die dritte Gruppe – es sind dies die Jüngsten – fällt durch ihr spontanes Lachen und die freudigen Ausrufe der Kinder auf. Ein Junge kann sich kaum halten vor Lachen und steckt damit alle Kinder und Erwachsenen am Rand an. Er schreit um sich und ruft: „Wow, ich mache einen Flip durch ihn. Ich sehe den Himmel!“.

Soumaya schreibt in ihrer E-Mail vom 14. Oktober 2017: Danke, dass du dabei bist und Kindern und Menschen in dieser aussichtslosen Lage einen Schimmer Hoffnung und ein Lachen auf Ihre Gesichter malst, ganz besonders den Kleinen, die so vom Herzen lachten. 

Ich fühle große Dankbarkeit in mir. Ich danke den engagierten Mitarbeitern/innen von Jasmin Hilfe für ihren einfühlsamen und aufreibenden Einsatz. Ganz besonders danke ich den Kindern. Im Spiel mit ihnen geht mein Herz auf und manchmal – einen Augenblick lang – sehe auch ich den Himmel.

 

Armin Knauthe

 

Spenden für das Spielen mit Flüchtlingskindern:

Verein Original Play Österreich – von Herzen spielen

Schallergasse 13/7, 1120 Wien

IBAN AT072020201520001320

BIC SPAMAT21XXX

www.originalplay.at

Spenden für Grundnahrungsmittel, Babynahrung, medizinische Versorgung wie medizinische Produkte und Geräte, Medikamente und Operationen sowie Unterkünfte und Bildung:

Jasmin-Hilfe e.V.

Commerzbank Düsseldorf

IBAN: DE20 300 400 000 805 813 300

BIC: COBA DE FF XXX

www.jasminhilfe.com

 

Fotos: ©Soumaya El-Azem, Marlene Abbara, Ingrid Töteberg, Armin Knauthe 2017