Original Play in Flüchtlingslagern im Libanon

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Tag 1: Tripolis

Nach einer 2-stündigen Autofahrt erreichen wir Tripolis im Norden vom Libanon. Wir spielen in einem neuen Zentrum für traumatisierte Kinder und Frauen aus Syrien.


Gute Atmosphäre, nette Mitarbeiter*innen, strahlende Kinderaugen beim Spielen - schön!

Danach hatten wir Zeit für ein uriges libanesisches Mittagessen (viele Kichererbsen) und einen Spaziergang durch den Markt (sehr orientalisch).


Weiter ging es mit dem Auto auf eine Hügelkette über Tripolis in zwei (Halb)waisenhäuser, die in recht schönen großen  Ferienhäusern eingemietet sind.


Voll liebe Kinder von 3 bis 14 Jahren haben dort mit uns gespielt und zum Abschied haben sie uns noch eine Gesangs- und Tanzvorführung geschenkt.

 

Danke für den bereichernden schönen Tag!

Tag 2: Beirut

Heute haben wir in einer Schule für 200 syrische Kinder gespielt. Hier gehen die Kinder in zwei Schichten zur Schule - die Hälfte vormittags die Hälfte nachmittags. Die meisten Kinder leben in extrem beengten Verhältnissen mit vielen Familienmitgliedern in einzelnen Räumen. Viele von ihnen arbeiten auf der Straße (verkaufen Süßigkeiten, betteln, ...)


Wir konnten vor dem Spielen beobachten, dass viele Kinder im Kontakt untereinander sehr aggressiv waren (Treten, Schlagen, Fäuste, dominantes Gehabe). Überraschenderweise war während des Spielens gar keine Aggression mehr spürbar, danach kam sie in leicht geringerer Form aber wieder zurück. Ich hab mir gedacht, dass wir den Kindern eine Stunde Frieden gebracht haben, ihnen gezeigt haben, dass es eine Alternative gibt.


Auf einem der Balkone am nächsten Foto ist ein ca. 12-jähriger Junge gestanden und hat uns beobachtet. In einer Pause hat er Armin zugerufen: "hey Mister, you make a good job!". Später auf der Straße hat er uns zugerufen: "I love you!" Er hat genau verstanden, was am Schulhof vor seiner Nase passiert ist ❤️


Tag 3: Beka'a Valley

Über die Berge ging es heute ins hoch gelegene Beka'a Tal nahe der syrischen Grenze. Wir haben zuerst das Camp Jarrahieh besucht. Dort unterstützen 2 NGO's die Menschen: die Jasminhilfe und The Syrian Eyes.


Die Behausungen sind mit allen möglichen Materialien zusammen geschustert (Plastik, Planen, Holz, Wellblech, Autoreifen, Netze, ...). 180 Familien mit durchschnittlich 5 Kindern leben in diesem Camp.


Man sieht dazwischen immer wieder UNHCR Planen, versorgt werden sie von ihr aber nicht, es sind nicht registrierte Flüchtlinge, die sich das Land um ca. 100 Euro pro Monat pro Behausung! von Privaten pachten müssen.


Gerade wird dort eine Schule gebaut, wo wir spielen durften. Wir hatten 6 Gruppen mit jeweils ca. 15 Kindern von 2 bis 14 Jahren. Manche sehr schüchtern, manche aggressiv, viele ganz nahe und kuschelig. Fred hat die ganze Zeit die Türe bewachen müssen, weil die Kinder alle gleichzeitig rein wollten.







Nach dem Spielen haben wir von der Campbäckerei gefülltes  Fladenbrot bekommen.

Anschließend haben wir einige kleinere Camps besucht, wo Soumaja und Ingrid (Jasminhilfe) mit den Menschen über ihre Bedürfnisse gesprochen haben, um für Spender*innen und Sponsoren berichten zu können, was gebraucht wird.



Tag 4: Beka'a Valley

Leider hat mich heute in der Früh eine Magenverstimmung erwischt, ich konnte nicht mitfahren und übergebe an Armin. Liebgruß, Sonja

Wir sind wieder in die gleichen Camps wie gestern gefahren und haben mit 4 Gruppen gespielt. Die Buben durften heute im großen Lager nicht mitspielen, weil sie gestern eine Wasserleitung kaputtgemacht haben.


Nach dem Spiel läuft ein Mädchen zu mir auf die Matten und küsst mich auf die Wange. An sich passiert mir das sehr oft beim Spielen, doch rührt es mich diesmal so sehr, dass mir leicht die  Tränen kommen. Noraina steht hinter mir und auch sie weint. "Don't cry" sagen die Mädchen, die um sie stehen und berühren sie tröstend.


Auf den Bergen im Hintergrund verläuft die Grenze zu Syrien, es sind dann noch ca. 30 km nach Damaskus.

Wir verteilen Kekse,Windeln und Gewand, besuchen die Familie der Camp-Lehrerin, deren Kinder für uns auf orientalischen Instrumenten musizieren, und schliesslich noch die Familie eines spastischen jungen Mannes. Er erkennt Fred sofort wieder und sein Gesicht strahlt vor Freude als Fred mit seinem Bart über seine Hände streicht.

Bei der Familie unseres Fahrers Valid wird noch kurz auf einen Tee eingekehrt. Seine Grossmutter möchte Fred unbedingt wiedersehen. Etwa 20 Familienmitglieder empfangen uns aufs Herzlichste, die Frauen geben uns Männern sogar die Hand und Valids Grossmutter küsst uns alle auf die Wangen. Ihr Blick ist durchdringend, als ob sie mir direkt in die Seele schauen könnte und als ich mich zu ihr auf das Sofa setze wird mir sogar die besondere Ehre zuteil, dass sie mich auf das Haupt küsst.

Tag 5: Palästinensisches Camp Shatila in Beirut

1949 wurde Shatila erbaut, damals einstöckig für ca. 4000 Flüchtlinge. Mittlerweile sind die Häuser 5 bis 7 stöckig und es leben 22000 Menschen auf einem Quadratkilometer. Die Gassen sind eng, finster und voller wild verlegter Kabel.


Wir besuchen einen Kindergarten, der von einer Frau geführt wird, die selbst schon als Kind hier gelebt hat. Außen wirken die Häuser alle wie Bruchbuden, innen ist der 5-stöckige Kindergarten sehr schön. Wir spielen mit ca. 75 Kindern zw. 2 und 6 Jahren. Die meisten sind sehr schüchtern, viele wirken fast apathisch.


Sie lächeln kaum, viele wirken ängstlich, ich habe so ein Gefühl von "kollektivem Trauma", wie wenn es in der mittlerweilen 3. und 4. Generation festgefroren wäre.


Die Leiterin erzählt uns anschließend noch von der Geschichte des Camps; u.A. gab es 1982 das Massaker an den Palästinensern, um die PLO zu zwingen den Libanon zu verlassen.  ..

Sehr beeindruckend ... so sehr, dass ich jetzt urmüde bin, obwohl es noch so viel zu erzählen gäbe.

So, das war's aus dem Libanon, heute Nacht fliegen wir um unzählige Begegnungen und Eindrücke reicher wieder nach Hause.

Eure Sonja